Hansi Lang

Produzent und Wegbegleiter

Hansi Lang, *13.01.1955   †24.08.2008

Thomas Rabitsch – August 2008

„Ich war glücklich und sehr stolz, als Du mich vor ein paar Jahren ersucht hast, anlässlich der Verleihung des Goldenen Ehrenzeichens der Stadt Wien die Laudatio für Dich zu halten. Jetzt bin ich unendlich traurig, aber auch stolz, auf Bitte deiner Liebsten wieder zu Dir zu sprechen. Du hast oft zu mir gesagt, Du seist mein Apostel, ich weiß nicht genau, was Du damit gemeint hast, es war eine ganz sonderbare Bezeichnung unserer Freundschaft. Jetzt bin ich dein Apostel, und ich möchte gerne zehntausendmal jedem da draußen sagen, wie großartig, wie einzigartig Du warst! All den Menschen, die nur den Namen Hansi Lang kennen, und die nicht genau wissen, was sie damit anfangen sollen…

Wir, die wir hier sind und gemeinsam von Dir Abschied nehmen, wir wissen es, wir haben es alle gespürt: Du warst ein ganz besonderer Mensch, ein ganz besonderer Künstler! Wir wissen, für uns gibt es nur ganz wenige wie Dich, bei dem der Mensch und der Künstler so eine untrennbare Einheit darstellen, wie es bei Dir der Fall war!

Lieber Hansi, ich wiederhole mich: Du hast an deine Kunst immer nur eine einzige Grundbedingung gestellt: Sie musste ehrlich sein, und aus der Tiefe deiner Seele kommen. Erfolg und Ruhm waren für Dich zweitrangig und überhaupt nichts wert, wenn das, was Du von dir gabst, nicht haargenau diesen deinem Anspruch gerecht wurde.

Ich habe Dich das erste Mal in den frühen Siebzigern auf einer Bühne gesehen, es war glaube ich in jenem legendären Club „Electronic“, wo Du als ca. 17-jähriger Lead-Sänger der Band „Plastic Drug“ aufgetreten bist. Es ging mir genauso, wie früher oder später vielen von uns: Ich stand wie angewurzelt in der Zuschauer-Menge und hab mir nur eines gedacht: „Wahnsinn, was für eine Stimme!“ Für weiterführende Gedanken wie „was für eine Ausstrahlung, was für eine Bühnenpräsenz“ war ich damals noch zu jung und zu unerfahren, aber die Faszination war riesengroß.

Ich hatte es bis zu jenem Moment nicht für möglich gehalten, dass es in Wien jemanden geben kann, der so authentisch und so über alle Zweifel erhaben singen konnte. Das war für mich ein kleines Schlüssel-Erlebnis, und als 16-jähriger auch ein Ansporn, selber Musik zu machen.

Du hast mir einmal eine Kassette vorgespielt, wo man Dich im Alter von 12 Jahren singen hört, und Deine Stimme hatte schon damals jenes unverwechselbare Hansi Lang – Timbre, das Dir im wahrsten Sinne des Wortes von Gott gegeben war. Wenn man so eine Stimme hat, wenn man so ein Charisma hat, dann ist es vollkommen klar, dass man nur das Eine machen kann, und nichts anderes sonst.

So warst Du ein Getriebener, der mit seinen Talenten dastand und täglich aufs Neue damit fertig werden musste, dass er sie besitzt: Der Sänger. Der Texter. Der Bühnen-Mensch. Er kann sich nicht verstellen, er kann sich nicht arrangieren. Ein Leben ohne irgendwelche künstlerischen Kompromisse. Es war ein hartes Leben, es war oft eine schwere Last, die sich aber in günstigen Momenten zu purer Lust, und zur einzigen absoluten Wahrheit verwandeln konnte.

Als ich ein paar Jahre später das Glück hatte, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein, trafen wir uns beide als Gründungs-Mitglieder bei Wickerl Adams „Hallucination Company“ wieder. Du warst damals neben Wickerl und Michi Jürs ebenfalls Lead-Sänger und einer der Haupt-Akteure, Falco spielte noch als Hansi Hölzl Bass, Peter Kolbert Schlagzeug, Peter Lössl, dann Harri Stojka Gitarre, und ich spielte Keyboards und war insgeheim glücklich, dass ein Jugend-Traum von mir in Erfüllung gegangen ist: Mit eben jenem Hansi Lang gemeinsam auf der Bühne zu stehen, den ich damals in dem Club so bewundert hatte.
Ich erlebte neben dem Sänger Hansi Lang damals bereits auch einen Publikums-Magneten und werdenden Schauspieler, der speziell im komischen Fach zu Höchstleistungen auflief und mit seinen clownesken Rollen oft die bewegendsten Momente der Shows gestaltete.

Gleichzeitig musste ich damals zum ersten Mal in meinem Leben lernen, dass der Umgang mit einem Menschen, der auf der Bühne schon damals sein Innerstes nach Außen kehrte, im Alltag der Proben oder anderen Zusammenkünften besonderes Einfühlungsvermögen benötigt. Du warst niemals harmlos!

Du warst – das wissen wir alle – in Deiner Wahrhaftigkeit alles andere als ein Diplomat, dazu waren Deine Grundsätze einfach zu wichtig. Das erklärt auch, warum Du den letzten großen Durchbruch zum anerkannten Star nie erleben konntest, obwohl er Dir beileibe gebührt hätte. Für Dich gabs immer nur das Entweder/Oder, aber niemals Spekulation auf einen Hit.

Es war die Aufbruchs-Stimmung der New-Wave-Zeit, die Blütezeit des U4s, in der „Keine Angst“ zu einer der wichtigsten Hymnen wurde. Das Echo dieses Aufschreis hallt für uns bis heute nach. Deine deutschsprachigen Texte trafen damals punktgenau, deine Songs waren, wie Du sie selbst später einmal bezeichnet hast, „Kampfmusik fürs Herz“. Ich erlebte diese bewegte Zeit mit und hatte den klaren Vergleich: Es gab keinen anderen Frontman für mich, der dir damals in den besten Momenten auf der Bühne punkto Stimme und Charisma das Wasser reichen konnte. Doch, ja, Hansi Dujmic, 1988 gestorben, Hansi Hölzl, 1998 gestorben, jetzt Du! Die drei Hansis, alle drei charismatische Kaliber der Extraklasse! Mit allen dreien durfte ich arbeiten, alle drei hat wer für mich offenbar ausgesucht…

Voraussetzung für dieses Charisma waren – wie auch für die beiden anderen Hansis – vor allem aber auch die Verletzlichkeit und die schweren Zeiten, die ihr erleben musstet, der tiefe Fall, der jeden nach Höhenflügen unweigerlich in irgendeiner Form trifft, der Kampf und das Leid, das ein Künstler letztlich sucht und braucht, um daraus neue Kraft zu schöpfen.

Du hast lange gelitten, und das hast Du noch dazu öffentlich gemacht. Die Öffentlichkeit hat auch Dich lustvoll dafür bestraft, gebrandmarkt und verstoßen.

Das alles ist keine Kleinigkeit für einen Menschen, der keine Wahl hat, außer eben das zu tun, wofür er bestimmt ist. Für einen Menschen, der immer auf den rituellen Moment der Zeremonie wartet, wo die Zeit still steht, wo es nur mehr um das geht, was wirklich zählt.

Der beständige Versuch der Medien und der Musik-Industrie generell, einen Künstler in eine Schublade zu pressen, hat Dir sehr schnell die Luft zum Atmen geraubt, und es folgte in den Neunzigern der logische Rückzug aus der Musik-Branche und die gleichzeitige vermehrte Zuwendung zum Theater und Film. Aber auch hier warst Du nicht – wie vielleicht manche fälschlich vermuteten – ein typischer Fall für irgendein bestimmtes Rollenfach, oder der Mann für alle Fälle.

Mühsam und qualvoll hast Du Dich wieder hochgekämpft, wieder Selbstwertgefühl gefunden und Dich neu definiert. Deine kompromisslose Aufrichtigkeit im Zugang zur Kunst hat auch unser Projekt „SlowClub“ schlussendlich zu dem gemacht, was es wurde: Wir hätten uns beim besten Willen niemand anderen vorstellen können, der Titel etwa von Billie Holiday oder Nat King Cole so inbrünstig und wahrhaftig zu interpretieren vermochte wie Du. Dazu braucht man all das, was Dich ausgemacht hat, und all das, was Du erlebt hast. Jetzt, bei unserem zweiten Album, hast Du wieder eigene Texte verfasst und sie mit einer Selbstsicherheit gesungen, zu der nur ganz große Künstler fähig sind.

Du hast uns allen viel geschenkt, und Du hast vielen Musikern neben Deiner Freundschaft die Möglichkeit und das Privileg gegeben, durch die gemeinsame Arbeit mit Dir sozusagen ihre künstlerische Existenz-Berechtigung zu erhalten und zu stärken, ihren Blick auf das Wesentliche zu schärfen, indem sie von Deiner Wahrheit kosten durften, und dafür sind wir Dir ewig dankbar.

Lieber Hansi, wir alle haben Dir zu danken, für Deine Stimme, für Deine Botschaft. Dafür, dass es Dich gab. Wir wissen, dass die pure und echte Seele bei uns einen Namen hat, Deinen: Hansi Lang.“

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